Winkelgasse 4


Hey XV,

erinnerst du dich noch daran, als du mich damals entführt hast?

Du hast gefragt, was ich nächste Woche Sonntag mache und da ich ja (zu der Zeit) keinen Alkohol mehr trinken wollte, hast du vorgeschlagen, mich früh morgens abzuholen und mit mir dem Alltag zu entfliehen.

Neugierig, wie ich war, stimmte ich zu und versuchte ab da zwei Wochen lang aus dir raus zu bekommen, was wir vorhaben. Doch als du dann wissen wolltest, ob du es mir wirklich sagen sollst, wollte ich mir selber die Überraschung nicht verderben und verneinte. Trotzdem konnte ich es nicht lassen, zu fragen.

Irgendwann hattest du Mitleid mit mir und hast mir Tipps gegeben:

  • Ich soll nicht meine besten Schuhe anziehen – mit dem Nachsatz: Das ist ja bei dir kein Problem! – aber ich wusste, wie du das meinst;)
  • Ich werde mein Handy nicht benutzen können
  • Ich soll mich für alle möglichen Wetterlagen anziehen; lieber was ausziehen, als nichts zum anziehen zu haben.
  • Ich könne Inliner mitnehmen, wenn ich will.
  • Wir fahren früh los und sind spät zurück.

Jo klasse, vielen Dank, mit diesen Tipps konnte ich nichts anfangen!

Ich dachte an:

Inliner fahren auf einem alten Flugplatz – aber warum dann nur ich kann Inliner mitehmen?    

Eine Höhlenwanderung – Das würde die Schuhe und die Sache mit dem Handy erklären, aber Inliner? Früh los, früh zurück? Ne das wird es auch nicht sein.

Oh, es waren noch so viele an den Haaren herbeigezogene Ideen dabei, die aber alle nicht die vorgegebenen Punkte erfüllt haben.

Ich kam nicht drauf und immer, wenn ich zu sehr gegrübelt habe, sagtest du Lass dich doch einfach überraschen, bis Sonntag ist noch zu viel Zeit, nicht dass du andere wichtige Dinge um dich rum vergisst, weil du dich zu sehr auf das was kommt konzentrierst…

Weise Worte, aber du hast ja auch bei der Besten gelernt und hast es drauf, meinen Fokus zu richten.

Also habe ich fortan so getan, als würde ich mich nicht sehr dafür interessieren, weil ja jeden Tag noch etwas wichtiges passieren könnte. In mir drin brannte diese Frage natürlich weiter.

Aber gut. Ich hatte mich damit abgefunden, dass du es mir sagen würdest, wenn ich will, ich aber nicht will, weil ich Überraschungen hass-liebe.

Ich freute mich also drauf. So richtig. Ich freute mich auf das Ungewisse. Und nur darauf. Scheiß auf die restlichen Tage. Ich wollte Sonntag haben!

Dann war es soweit. Nachdem ich Samstagabends noch ein paar Sticheleien über mich ergehen ließ, ob ich es denn wirklich nicht schon wissen wollen würde, war endlich Sonntagmorgen!

Kurz vor acht. Dein Auto wartete vor meiner Wohnung auf mich und di empfingst mich mit einem breiten Lächeln. Ich fühlte mich freudig erregt und nervös. Ja wirklich! Nervös!

Klar bin ich nervös, wenn ich nicht weiß was passiert. Ich brauch die Kontrolle, aber wenn ich eins von dir gelernt habe, dann ist es, die Kontrolle abzugeben und sich einfach mal auf Dinge einzulassen.

Noch 278 Kilometer bis zum Ziel – stand in deinem Display.

Im Kopf ging ich durch, was alles ca. 300 Kilometer von meiner Wohnung entfernt war, aber wenn ich ehrlich bin, war das ein haltloser Versuch, denn wenn ich in etwas nicht gut bin, dann ist es Geografie. (Ok und Mathe) Aber genau aus diesem Grund meide ich auch eben Sachen, die etwas mit beidem zu tun hätten- Ich konnte es trotzdem nicht lassen zu überlegen. 300 Kilometer… hmm… Frankreich? Joa, könnte man schaffen. Österreich? Ne ich glaub nicht. Spanien? Nein. Irgendwas in Deutschland? Ja, da gibt es bestimmt viel. Ich gab es auf. Ich konnte nichts sagen. Ich wusste nichts zu sagen, spürrte nur hin und wieder deine Blicke auf mir. Ich wusste damit nicht umzugehen, weil ich mich irgendwie verloren fühlte. Ich gab meinen Tag in deine Hand und wusste nicht, was du damit machst.

Aber es war gut. Es war richtig! Mir wurde klar, dass ich es jeder Zeit wieder machen würde und so entspannte ich mich etwas. Dies schienst du zu merken, denn irgendwann hast du gefragt, ob ich ne Ahnung habe, wo es hingehen könnte. Ich behielt meine Überlegungen besser für mich und verneinte.

 

„Wir fahren nach Holland, an den Strand. Ich glaub ein Tag am Meer ist das, was du jetzt brauchst!“

Oh wie recht du hattest. Sicherlich war es mir auf der Hinfahrt noch nicht bewusst, wie nötig ich eine Flucht vor dem Alltag hatte, aber spätestens, als wir dem Ziel näher kamen, dämmerte es mir.


 

Da wir (für meine Verhältnisse am Wochenende) sehr früh losgefahren sind, hatte ich morgens grade mal Zeit, mich zu duschen und Klamotten überzuwerfen. Gefrühstückt hatte ich nicht, aber genau das sollte mit unserem ersten Stopp erledigt werden.

Wir machten an keinem geringeren Ort halt, als in der Winkelgasse.

Ja ich weiß, wir waren in Holland, aber das war nunmal die treffendste Beschreibung, die ich für dieses Lokal hatte und auch noch habe. Da ich von dir wusste, dass du genauso Harry Potter Fan bist, wie ich, war mir klar, dass du verstehst, was ich meine.

IMG_5201.JPGSind wir mal ehrlich: Wer hier nicht als Harry Potter Fan direkt, an irgendeinen Laden aus der Winkelgasse denkt, der hat schmerzlich wenig Fantasie. Du hast mich an einen Ort gebracht, von dem man wirklich wissen muss, dass er existiert. Bevor ich angefangen habe dich kennenzulernen, wäre ich aus eigenem Antrieb bestimmt dran vorbei gelaufen. Es war so eine Bäckerei, der man irgendwie vergessen hat zu sagen, dass es 2015 ist. Urlaub eben. Ich weiß noch, wie ich überwältigt in dem Laden stand, mir mein Frühstück aussuchte und nachdem wir uns draußen einen Platz in der Sonne gesucht hatten zu dir sagte:

Unfassbar, selbst der Kaffe schmeckt hier viel viel leckerer, als jeder den ich in der letzten Zeit getrunken habe. Ich brauch direkt noch einen!

So konnte es weiter gehen. Von mir aus hätte ich mit dir dort den ganzen Tag sitzen bleiben können. Man wurde sofort entschleunigt und vergaß, dass man irgendwann zurück in die alltägliche Welt muss.

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Warum kann denn niemand die Zeit anhalten?

 

Wir beide. Kaffee und die Spezialitäten von Berti Bosts Brötchen Manufaktur.

Es war wie im Film, nur besser, weil man dabei war! Das war real! Das war richtig!

„Sollen wir weiter?“ riss mich dann vollkommen raus.

Weiter? Es soll noch weiter gehen? Was soll denn noch kommen? das hier reicht doch jetzt schon. Ich bin wieder unten, besser kann es nicht werden?


 

Also ging es weiter. Weiter Richtung richtig!

Lass mich hier kurz erwähnen, dass eben dieses „richtig“, dass ich durch dich gelernt habe, mich in meinem Leben viel weiter gebracht hat.


Nichts passiert ohne Grund und wir haben eh zu wenig Einfluss darauf. Darum ist es einfach richtig. Jeder Rückschlag wird schon für etwas Anderes gut sein. Es wird schon alles richtig sein! Ich sage mir das nun immer, wenn ich Gefahr laufe, an etwas zu verzweifeln.

„Es wird schon richtig sein, dass es so ist…!“

Danke XV.


Wir fuhren näher ans Meer, stiegen aus und liefen, dick eingepackt, wegen dem Wind, eine Runde am Wasser lang.

Es war arschkalt und mega windig, aber es hätte nicht besser sein können. Ich erinnere mich noch, wie wir uns dann auf einen Steg gesetzt und einfach eine Zeit lang aufs Meer hinaus geguckt haben. Unfassbar. Ich wollte irgendwas haben, was mich an genau diesen Moment erinnert. Du weißt, dass auch ich ein „Schnipsel-Mensch“ bin. Ich nehme gerne, für Andere belanglose, Dinge mit von Orten, die ich mit Erinnerungen verbinde und sammle diese, um mir später dann zum Beispiel das Stück von dem kaputten Tisch aus Berti Botts Brötchen Manufaktur in mein Portemonnaie zu stecken und es dann immer dabei zu haben, weil es mich für einen kurzen Moment zurück bringt an diesen magischen Ort. Zu diesem Zeitpunkt war mein Leben sehr hektisch. Darum war ich auch wieder so Schnipsel-fixiert, dass meine Taschen voll waren, aber trotzdem schien mir dieser Moment mit dir so wichtig, dieses auf das Meer gucken war so gut für mich, dass ich einen Schnipsel brauchte. Ich sprang also vom Steg und griff ins Wasser nach einem Stein, der mir schon die ganze Zeit aufgefallen ist; legte ihn neben dich auf das Holz und sagte, um meine komische Aktion zu überspielen:

„Oh, der ist nicht so schön, wie er von oben ausgesehen hat…“.

Es war gelogen. Ich wusste genau, wie er aussah! Er war einfach richtig. Punkt.

IMG_5263.JPGWir blieben noch was sitzen und als wir dann weiter wollten, habe ich den Stein heimlich in meine Tasche, zu den anderen Schnipseln, verschwinden lassen, ohne dass du etwas merkst. Mir war nicht bewusst, dass du es nicht sehen brauchtest um zu wissen, dass ich den Stein einstecke. Du wusstest, ich lass ihn nicht liegen und dass ich ihn in mein Herz geschlossen hatte. Dieser Stein wird noch sehr wichtig für uns beide!

Wir sind jedoch erstmal weiter gezogen. Ich mit dem Gedanken, dass du es bestimmt nicht gemerkt haben wirst und du mit dem Wissen, dass ich den Stein in der Tasche habe verschwinden lassen. Zurück am Auto sind wir dann ein paar Meter gefahren, nur um uns dann zu entscheiden, dass wir besser laufen können, haben unsere Sachen geschnappt und sind los.

 

Ich weiß nicht, wie ich dieses Gefühl beschreiben soll, aber es war irgendwie… komisch, als wir zum ersten Mal auf den Strand geblickt haben und am Ende das Meer war. Irgendwie war es eine andere Welt und ich konnte nicht begreifen, dass es wirklich passiert. Ich denke ich war noch nie so ruhig, wie in diesem Moment, oder vielleicht wie an diesem kompletten Tag. Ich war nicht nur ruhig, ich wurde auch entspannt. Ich stellte meine Füße wieder auf den Boden. Ich kam runter!

Warum nur wusstest du so genau, was ich brauche, wo nichtmal ich es wusste, bevor ich diesen Ausblick hatte. Wir haben und einen windgeschützten Platz gesucht und uns auf die Decke gelegt. Für… eine Ewigkeit. Haben Musik gehört, Weintrauben gegessen und…nichts getan, außer uns genossen.

Irgendwann habe ich dir dann in die Augen gesehen und dann brach alles über mich herein. Alles, was ich an diesem Tag gedacht hatte, jedes Gefühl, dass ich hatte und all die Gedanken an wie es weiter geht, kamen in meinem Kopf zusammen und ich hab dich noch nie so schön gesehen.

Komisch daran war nur, dass du fast sofort angefangen hast zu grinsen und gesagt hast: „Huch, was war das denn für ein Blick?! Der war neu!“.

Ehm ja, der Blick war neu? Keine Ahnung, ich sehe mich so selten, aber ich weiß, dass die Gedanken neu waren. Auf einmal war es klar. Ich habe Sachen gedacht, die ich wohl so schnell nicht laut sagen werde, aber alleine der Fakt, dass diese sich so in meinem Kopf geformt haben, der bedeutet schon so viel. Dazu dann noch deine Erkenntnis. Du hast in meinen Augen gesehen was ich dachte. Das ist verrückt. Das ist neu und ich denke das ist einfach richtig!

Irgendwann, als dann selbst der Schal und die dicken Jacken es nicht mehr geschafft haben, die Kälte fern zu halten, sind wir wieder aufgebrochen. Ich hätte nicht erwartet, dass es noch krasser und bedeutsamer werden könne, als zu diesem Augenblick, aber als wir auf dem Rückweg zum Auto an einem Schild vorbei kamen und meine Fantasie mit mir durchging, wusste ich nicht, wie ich mit dem was passierte umgehen soll.Winkelgasse_#dootcomIch dachte einfach, dass dieses Schild, – auch oder grade weil eben das Schild an sich abgefallen war – ausgesehen hatte, wie eine Tür. In meinem Kopf spiegelte dieser Gedanke wieder, was der ganze Tag für mich war. Irgendwie eine andere Welt. Ich weiß nicht warum ich es laut gesagt habe, aber nachdem wir erst ein paar Schritte weiter gegangen waren, sprach ich die Sache mit der Tür an und zeigte sie dir.

Du nahmst meine Hand und bist vorausgegangen – durch die blaue Tür!

Wie unfassbar dumm?! Alleine der Gedanke in meinem Kopf ist so dumm, in der Sekunde in der er aus diesem raus ist. Doch dir habe ich ihn trotzdem anvertraut und du? Du warst dabei! Kein Gelächter, kein fragender Blick, ob ich sie noch alle am Zaun habe. Nein! Du hast meine Hand genommen und bist wie selbstverständlich mit dir durch die Tür gegangen.

Keine Worte können ausdrücken, was das in mir/mit mir gemacht hat, selbst geschriebene nicht. Ich denke schon lang drüber nach, aber ich glaube, dass dies einer von den Momenten im Leben ist, die einfach sind und nicht beschrieben werden können. Sind Gefühle, die man einfach hat und nicht beschrieben kann für andere nicht eh die Besten?

Ich möchte hier die Geschichte erstmal abschließen, obwohl der Tag noch nicht zu Ende ist und man noch viel erzählen kann, doch ich bin grade wieder so überwältigt von der Sache mit der Tür, dass ich dies erstmal verdauen muss.

Du bist richtig XV!

Ich werde auch noch über die Rückfahrt schreiben, aber hier ist erstmal Pause.

XVI für XV

*klopf*klopf*klopf*

 


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